Der Blumenverkäufer von South Kensington
Ich war eine Stunde eher vor Ort. Deine Tube streikte. Ein Ortsteil der einem Bilderbuch glich. Er erinnerte mich an Notting Hill. Romantik hält hier Rosenblätter zwischen ihren Fingern und spaziert damit sanft die hellen Hausmauern des Viertels entlang.
Es roch nach frischen Croissants. Zu diesem surrealen Moment bestellte ich mir einen großen Cappuccino und freute mich mit deiner Vorfreude, auf den ersten Einblick dieses Tages. Du sollst mit Blumen empfangen werden.
Ein Blumenverkäufer inmitten dieses sonnigen Platzes, wenn man die Station zur linken verlässt. Ich empfehle die Reise anschließend zur rechten der Station fortzusetzen. Dann stecke ich jetzt meinen Kompass wieder in meine Hosentasche und begrüße den Herrn, den ich zwischen all den bunten Blüten entdeckte. Ich ließ dir einen kleinen Strauß zusammenstellen. Welcher hinreißend war, wie du an jenem Tag.
Ich solle meinen Café nicht vergessen, meinte er und erzählte mir, dass hier viele Besucher etwas vergessen. Einmal vergaß eine Dame einen frischen Laib Brot, welches aus der Gegend war und sehr teuer.
„Aber ich konnte es nicht essen, es schmeckte grauenvoll, es war mit
viel zu gesunden Zutaten zubereitet“, lachte er.

Mein Telefon klingelt. Während ich mit deinem Blumenstrauß auf
dich zugehe, fragst du mich wo ich bin. Dort lehnst du, in der Ferne,
an den alten weißen, historischen Mauern, in South Kensington.
Du bist wunderschön und gleich wirst du lächeln, wenn du diese
Blumen siehst. So war es gewesen.
Es ging ein leichter Wind an diesem Tag. Er kroch uns unter die T Shirts und zog uns an unseren Nackenhärchen Richtung Abenteuer. In das Reich des Wissens. Heute ließen wir uns spontan in die Arme des
London Science Museum fallen. Dein Element. Denn die Welt der Wissenschaft, hast du hier in dieser Stadt vor Jahren zu deinem
Studium gemacht.
All die Teilchen, all die Geschichten und all das Geflüster der Besucher neben uns, legten sich in meinem Hippocampus nieder. Nach einer Weile sah ich dich vor diesem riesengroßen, roten Planeten stehen. Der Mars. Von der Sonne aus gezählt, der vierte Planet und der äußere Nachbar
der Erde.
Seine Anmut schimmert rötlich durch dein schwarzes Haar hindurch.
Du träumtest dich hinfort. Ich sagte nichts. Keiner sagt mehr irgendetwas, wenn er vor diesem Planeten steht. Als würde er einen
Ring der Stille um sich ziehen. Aus deiner Tasche flüsterte dein bunter Blumenstrauß und ich stellte mir einen Astronauten auf einem
Rosenfeld vor.

An diesem Tag, schickte uns South Kensington, wie ein alter
Charmeur durch seine verwinkelten Straßen, in welchen die viktorianischen Reihenhäuser, mit ihren verträumten Erkern und prächtigen Säulen, die wahren Verszeilen schreiben, die diese
Gegend lebendig halten.
Bis hin zu Menschen, die ihre Wertsachen bei einem Blumenverkäufer vergessen, weil sie sich in den kleinen Momenten verlieren und sich vor der Schönheit des Lebens ergeben, als wäre sie eine leise Bedrohung.
Kensington Gardens und der Schrei nach Freiheit ließ mich los rennen! Ich rannte durch dieses große Eingangstor und hing alles ab! Ich lief vorbei an einer jungen Frau, diese Halleluja auf einer Geige von sich strich! Eichhörnchen sprangen nach links und rechts weg und Tauben flogen davon! Ich machte allem in mir Platz!
Die Wahrheit über das, was wir wirklich wollen, liegt nicht in unseren Gedanken. Sie liegt in der wirklichen Welt da draußen.
Kinder rannten ein Stück mit mir und dann, ja dann stellte ich mir vor, dass all die Pferde des Buckingham Palace mit mir rannten! In einem rasanten Galopp, links hinten, rechts hinten, mit links vorne, rechts vorne, dann die ausgeprägte Schwebephase! Es war, als würde ganz London mit mir abheben, ich konnte das London Eye neben mir rollen sehen
und all die schwarzen Raben, diese eines Tages um mein Grab stehen,
neben mir fliegen sehen!
Es schien als schlugen sie ihre Flügel in Zeitlupe auf und nieder.
Mein Herz schlug mir gegen den Brustkorb, ich wurde langsamer,
blieb stehen, legte meine Hände auf die Knie und begann in mich hineinzulachen, in vollster Glückseligkeit.

Irgendwann standen wir plötzlich vor der Royal Albert Hall.
Valerie sagte mir, dass sie noch nie einen Fuß in sie setzte.
Und ich sagte „das musst du sehen!“ Als wir über den roten Teppich
den langen Flur entlang marschierten, bat ich eine Dame in königlicher Uniform, kurz meine Begleitung in den großen Konzertsaal zu lassen.
Um all den Zauber aufzusaugen, um dieses Bild nicht mehr vergessen
zu können, als schickten wir sie kurz in ein anderes Universum, in eine ganz andere Dimension. Ich würde draußen warten. Und so sollte es sein. Valerie tauchte in die Seele des Royal Albert und ich saß mich neben einen älteren Herren auf eine Bank im Flur und verschwand in eine schöne Erinnerung. Ich reiste ein Jahr zurück, in den letzten Dezember.
An dem ich an einem Nachmittag, in einem kleinen Londoner Hotel ein wunderschönes Mädchen verabschiedete. An diesem Abend war ich
zu einem Weihnachtskonzert in der Royal Albert Hall verabredet. Es war atemberaubend, dieses Orchester, die Zeit mit ihr, die als Erinnerung bis in jede Strophe der Weihnachtslieder weiterlebte.
Als ich in jener Dezembernacht die Hall verließ, schneite es das erste Mal zu dieser Jahreszeit. Große, dicke Flocken. Ganz langsam machten sie sich zu Boden und verwandelten London in eine kleine Weihnachtskugel, diese fest geschüttelt wurde, damit sich der Schnee auch auf den Zeigern des Big Ben hält.
Diese weiße Nacht war wie einzelne Nadelstiche, denn ich liebte sie, doch das Leben hat andere Pläne für uns vorgesehen.
Da kam Valerie aus dem dunklen Saal, der mit kleinen gelben Lichtern durchsetzt war, gesprungen. Große Augen und ein zufriedenes Lächeln, als hätte sie sich eine Tasse heiße Schokolade mit zwei Feen geteilt. „Julie, lets go!“, sagte sie. Und schon war ich wieder mitten im August angekommen.
Als wir nebeneinander im Gras lagen, sagte sie mir, ich hätte einen beeindruckenden Luftsprung in Kensington Gardens getan. Aber ich,
ich bin durch mein ganzes letztes Jahr geflogen und wenn ich müsste, würde ich es noch einmal, genau so durchleben.
Mit genau dem selben Drehbuch, um heute die nachdenkliche Stirn von Prinz Albert zu studieren und um genau hier weiter zu machen, weil sich alles richtig anfühlt, auch wenn das Leben manchmal durch uns weint. Weil es immer wieder einen Abschied braucht um sich wieder zu sehen.
Dazwischen wachsen aber wieder viele neue Blumen, diese man verschenken kann und jeden Morgen wird frisches Brot aus dem Ofen gestriffen, um es dann irgendwo zu vergessen, weil es immer etwas
noch Schöneres gibt, was auf einen wartet.
